Caritas Socialis



"Mit der Zeitung beten"

Auf Hildegard Burjans Spuren mit der kfb Wien

Am 6. 10. 2021 begleitete Sr. Karin Weiler eine Gruppe der kfb (Katholische Frauenbewegung) Wien auf den Spuren Hildegard Burjans in Wien.

"Mit der Zeitung beten"
Unter dem Motto "Mit der Zeitung beten" trafen sich die Frauen in der Conditorei Sluka Rathausplatz. Die traditionsreiche Conditorei (gegründet 1891) - zwischen den beiden Wirkungsstätten Hildegard Burjans als Politikerin (Parlament und Rathaus) gelegen - ist ganz sicher von Hildegard Burjan besucht worden. Es wird berichtet, dass Hildegard Burjan selbst gerne ins Kaffeehaus gegangen ist und dass sie die losen Blätter ihres Stundenbuchs mit sich trug, um in der Straßenbahn, im Kaffeehaus, wenn sie die Zeitung las, daraus zu beten. Beten mit der Tageszeitung und das Gelesene ins Gespräch mit Gott bringen - das ist eine sehr aktuelle Weise des Gebets.

Hildegard Burjan, eine der ersten Frauen im Gemeinderat und im österreichischen Parlament
Der Weg führte vorbei an den Wirkungsorten Hildegard Burjans im Parlament und Rathaus. Hildegard Burjan war 1919 eine der ersten 8 Frauen im österreichischen Parlament. Am 16. Februar 1919 fanden die ersten Wahlen zur deutsch-österreichischen Nationalversammlung statt, bei denen auch Frauen das Wahlrecht hatten. Hildegard Burjan leistet im Vorfeld Bewusstseinsbildung für die politische Betätigung auch der Frauen: „Volles Interesse für die Politik gehört zum praktischen Christentum." Über Parteigrenzen hinweg setzen sich die ersten Frauen im Parlament gemeinsam für die Verbesserung der Situation von Frauen ein. Als erstes Gesetz von Frauen für Frauen wurde 1920 das hausgehilfinnengesetz von Vertreterinnen der Sozialdemokratinnen gemeinsam mit Hildegard Burjan als einzige weibliche Abgeordnete der christlich sozialen Partei um.

Schön 1918 zog Hildegard Burjan als Abgeordnete in den provisorischen Gemeinderat Wiens ein. Sie gehörte vom 3. Dezember 1918 bis zum 22. Mai 1919 dem Wiener Gemeinderat an. Ihre politische Arbeit galt v.a. der Fürsorge für die verwahrloste Jugend, den Themen Hauskrankenhilfe und Pflege der Wöchnerinnen. Am 15. 5. 2017 enthüllte Bürgermeister Dr. Michael Häupl eine Gedenktafel für Hildegard Burjan unter dem Rathausturm.

Unterwegs zur Universität und zur Votivkirche
Die Frauengruppe ging vorbei an der Universität. Hildegard Burjan kam als eine der wenigen Frauen, die zur damaligen Zeit studiert hatten, mit ihrem Mann nach Wien. Auf der Suche nach ihrer Aufgabe in Wien, fand sie am "schwarzen Brett" der Universität die Ausschreibung des "Sozialen Kurses". Sie besuchte diesen Kurs und lernte dort Frauen kennen, die sich mit der ersten Sozialenzyklika Papst Leos XIII. auseinandersetzen. Das päpstliche Schreiben befasste sich mit der Arbeiter*innenfrage. Die Frauen beschlossen, die Ideen der Soziallehre der Kirche praktisch umzusetzen. Sie besuchten mit Hildegard Burjan die Heimarbeiterinnen Wiens und erkannten die schwierigen Lebensumstände, unter denen diese Arbeiterinnen gemeinsam mit ihren Kindern ihren Lebensunterhalt verdienten. Sie gründete den Verein der Heimarbeiterinnen Wiens, in dem gerechte Arbeitsaufträge verhandelt wurden, Fortbildungen organisiert wurden, Hilfe im Krankheitsfall angeboten wurde. Schon bald wurde Hildegard Burjan die "Heimarbeiterinnenmutter Wiens" genannt.

In der Votivkirche besichtigten die Frauen das Fenster der Sozialreformer*innen, auf dem u.a. auch Hildegard Burjan dargestellt ist.

Willkommen in den Räumen der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis
In der Pramergasse 9 besuchten die Frauen auf ihrem Stadtspaziergang das Hildegard Burjan Archiv, in dem Originalmöbel aus dem Haus der Burjans erhalten sind. Sie besichtigten Alltagsgegenstände aus dem Besitz Hildegard Burjans und Bilder aus dem Archiv. Während sich die Frauen in kleinen Gruppen im Archiv bewegten, bereiteten die anderen Frauen Fürbitten anhand von Zeitungsartikeln vor, die beim abschließenden Gebet in der Hildegard Burjan Kapelle ausgesprochen wurden. So haben auch die kfb Frauen nach dem Vorbild Hildegard Burjans "mit der Zeitung gebetet". Das Hildegard Burjan Lied, das zur Seligsprechung Hildegard Burjans 2012 verfasst wurde, ruft dazu auf: "Stell dich in die Zeit, bereit für ihre Fragen ..."

Fotos (C) Silvia Schreyer Richtarz kfb Wien

Treffpunkt Conditorei Sluka Rathausplatz (C) Silvia Schreyer RichtarzFenster der Sozialpionier*innen in der Votivkirche (C) Silvia Schreyer RichtarzHildegard Burjan Archiv (C) Silvia Schreyer RichtarzHildegard Burjan Kapelle (C) Silvia Schreyer Richtarz